Vergangenheit und die Zwänge des Alltags

Tick, Zack – es geht immer weiter. Die Welt dreht sich und lässt das, was eben noch Zukunft war, den Hauch von Gegenwart einatmen, bevor es in Vergangenheit versinkt.


Der stete Blick in den Rückspiegel zeigt was wirklich gewesen ist, bildet die Basis, ist die Essenz des Seins. Doch ist die Vergangenheit nicht sicher vor Manipulation und wird, je weiter sie sich von dem schmalen Band der Gegenwart entfernt, von Verklärung heimgesucht. Wären da nicht fixierte Zeugnisse in Form von Bildern und auf anderer Art die belegen, dass der Roller rot und nicht blau war, um ein unbedeutendes Beispiel zu wählen.


Die Erinnerung spielt uns häufig Streiche, weil sie viel mit Interpretationen und dem Wunsch, wie es hätte sein sollen, einhergeht. Neben den aktiven Geschehnissen taucht immer die Frage auf, was der oder die Andere gedacht und wahrgenommen hat. Habe ich meine Liebe genügend stark zum Ausdruck gebracht? Hat eine Frage oder Geste womöglich kränkend gewirkt?


Manches, wie die Farbe des Rollers, hat auf den weiteren Verlauf des Lebens keine Auswirkung, selbst wenn es dieses Foto nicht geben würde. Aber wenn man auf den verstorbenen Menschen zurückblickt, ist jede Einzelheit bedeutsam, weil im Rahmen der Trauerbewältigung alles auf den Prüfstein kommt. Ganz klar auch dass, was in den Köpfen stattfand. Hätte ich die Erkrankung viel früher erkennen und zum Arztbesuch förmlich nötigen müssen?


Was hätte die eine Entscheidung für neue Konsequenzen mit sich gebracht, wäre sie anders ausgefallen? Es gib so viele Wege, die ein Leben prägen. Man kann nicht immer den leichten wählen, ist auf Erfahrungswerte angewiesen und wägt ständig auch die Portion Mut ab, die sich tendenziell mehr aus dem Bauchgefühl als der Vernunft ableitet. Daneben bestimmen die Zwänge des Alltags mit darüber, wo die Reise hinführt. - Freiheit ist eine Illusion.


Global spielt mein kleiner Mikrokosmos nur eine untergeordnete Rolle. Ich wollte erst "keine Rolle" schreiben, doch da wir alle irgendwie interagieren, hat so mancher 'unserer Flügelschläge' durchaus eine Wirkung.


Was ich über die Manipulation der Vergangenheit schrieb, stellt im großen Maßstab sehr eine wichtige Rolle für die Geschicke da, die unsere gemeinsame zukünftige Geschichtsschreibung mit auf ihren Weg nimmt. Einen Fehler nicht erneut zu begehen, ist ein kluger Plan. Die Auswirkungen aktiven Tuns zu extrapolieren, um daraus eine Entscheidung zu treffen, welche Wege doch eher Irrwege sein werden – vielleicht in den Abgrund führen – halte ich sogar für zwingend richtig.

Die schmerzlichen und unbequemen Erfahrungen oder Entscheidungen von Früher, formen uns als Individuum. Dies kann in der globalen Gemeinschaft nicht anders ausfallen. Weshalb Sätze wie „Lass die Vergangenheit ruhen“ oder die Meinung, dass alles vor der eigenen Zeit nun belanglos sei, keinem intelligenten, natürlichen Prozess entspricht.


Der Weg. Ein Zwischenziel. Nicht allein.